Brazil

“Brazil” ist der wohl bizarrste Film, den ich in letzter Zeit gesehen habe. In seinem Film von 1985 entführt uns der Regisseur Terry Gilliam über zwei Stunden in eine Welt, die sich irgendwann im 20. Jahrhundert befindet. Seine Geschichte ist eine dunkle Dystopie, geprägt von Konsumismus, Schöhnheitswahn, Terrorismus und einem bürokratischen Überwachungsstaat.
Wer den Film nicht kennt, sollte den Trailer anschauen um genauer zu verstehen wovon ich hier eigentlich rede:

Häh!?

Was im Trailer zunächst als aneinandergereihte Skurrilitäten wirkt, ist in Wirklichkeit ein genialer und ausgeklügelter Film mit einem ebenso genialem Ende.
In einer retro-futuristischen Welt, erlebt der Protagonist Sam was es heißt von dem bürokratischen System überwacht zu werden, für das er zuvor mit vollster Überzeugung selbst gearbeitet hat. Sam führt ein unauffälliges und angepasstes Leben als Mitarbeiter des “Ministerium for Information”. Um seiner Tristheit zu entgehen, flüchtet er sich gelegentlich in eine Traumwelt, in der er der Retter einer hübschen Blondine ist. Sein Leben gerät jedoch aus den Fugen, als er damit beauftragt wird sich um die Folgen eines Ausnahmeereignisses zu kümmern: Ein Tippfehler. Denn anstatt dem gesuchten Terroristen Tuttle (Ein Robert DeNiro den man erst auf den zweiten Blick erkennt) wurde der Familienvater namens Buttle verhaftet.

Buttle verstarb bei dem “Verhör” (aka Folter), da sein Herzfehler nicht in der Tuttle Akte bekannt war. Als Sam der verbliebenen Witwe die zu unrecht entstandenen Verwaltungskosten erstatten will, trifft er dort auf die Frau seiner Träume – Jill. Die Beiden lernen sich näher kennen und versuchen gemeinsam dem Wahnsinn der Bürokratie zu entfliehen.
Als eine Bombe in einem Kaufhaus losgeht, wird Jill verdächtigt und als Terrorist gesucht. Sam versucht Jill davor zu bewahren; er gelangt zu dem Zentralcomputer und kennzeichnet Jill in ihrer Akte als tot. Das Happy End scheint für den Zuschauer perfekt, denn verliebt turteln die Beiden in einem Bett.
Doch ist der Film noch nicht vorbei! Plötzlich wird die Idylle von einem Einsatzkommando gestört, wobei Sam verhaftet wird. Er landet auf dem Verhörstuhl und erfährt, dass Jill getötet wurde. Doch das Blatt wendet sich als er von dem Freigänger Tuttle gerettet wird und zusammen mit Jill auf der Flucht ist. Oder auch nicht? Oder doch?
Das Ende mit seinem schnellen Szenewechsel und den fließenden Übergängen ist der Höhepunkt des ganzen Filmes. Sam gelingt doch noch der Ausstieg aus dem gesellschaftlichen Wahnsinn, leider nur indem er sich in seinen eigenen Wahnsinn flüchtet. Und wenn auch nicht körperlich, immerhin geistig findet Sam – zufrieden die Melodie von Brazil summend – sein Happy End.

Zu lang bringts eben auch nicht

Ursprünglich hätte das Skript für einen 5 Stunden Film gereicht. Um im Budget zu bleiben, kürzte Gilliam rigoros. In einem Interview mit Kenneth Plume (2000), äußerte er sich dazu:

“[The final version] was a more watchable film. The other one was just me cramming in everything I wanted to cram in all of the films I should be making over a long career, but wanted to get them all into one film”

Dass Terry Gilliam ein enormes Volumen an Fantasie hat, bewies er schon längst mit seinen Zeichnungen und Animationen für Monty Python. Doch ist sein großer Sinn für Humor meist geprägt von einem düsteren Beigeschmack:

Vertrauen ist gut, Kontrolle ist Brazil

Vertrauen wird in “Brazil” groß geschrieben. Sei es das Vertrauen von der Bevölkerung zu der Regierung, oder das Vertrauen zwischen Sam und Jill. Immer öfters kann man das Wort “Trust” auf Regierungsplakaten lesen oder in Gesprächen hören. Doch diejenigen, die der Regierung Misstrauen, werden gejagt. So ist es auch kein Wunder, dass es keinerlei Beweise einer terroristischen Aktivität weder von Tuttle, Sam oder Jill gibt. Unbürokratisches verhalten reicht schon um als Terrorist zu gelten und dementsprechend behandelt zu werden. Betrachtet man zu der Panikmache Terrorismus noch die schwindende Privatssphäre und den Botox-Wahn, scheint Gilliams Dystopie doch zum Teil wahr geworden zu sein.

There is one thing I’m certain of…

…”Brazil” ist einzigartig. Der Stil des beginnenden 20. Jahrhunderts trifft auf die Technik der Moderne und wird nicht zuletzt wegen Fedoras, dem futurisierten Messerschmitt, und den besonders stark gewölbten Bildschirmen dem Dieselpunk zugeordnet. Dennoch erschaffte Terry Gilliam eine eigene Welt – Seine Welt – die ihm 10 Jahre später erneut zu der Gestaltung von “12 Monkeys” inspirierte.
Nicht nur für Cineasten, sondern auch für simple Filmliebhaber wie mich, ist Brazil ein Muss. Diesen Film sollte man unbedingt gesehen haben! Um alle Eindrücke aufzunehmen am besten gleich zweimal, denn: There is one thing I’m certain of. Return, I will, to old Brazil.


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