Eraserhead

“Eraserhead” zeigt eine Episode aus dem Leben des Henry Spencer. Henry wohnt alleine in den Ruinen der Industrialisierung, die trotz des ohnehin schwarz weißen Filmes besonders grau erscheinen. Gesprochen wird nicht viel, denn die Bilder sprechen für sich. Es ist eine trostlose Gegend, die aus der Feder von Georg Heym entsprungen sein könnte.

Henry hält ein zerrissenes Bild in seinen Händen: seine Exfreundin. Zu ihr macht er sich anschließend auf den Weg zu einem gemeinsamen Abendessen mit ihrer Familie. Sie wohnt in einer ländlicheren Umgebung, zumindest was noch davon übrig ist. Die wenigen Pflanzen sind komplett verdorrt, Erde wird von Lüftungsschächten aufgewirbelt. Beide fühlen sich sichtlich unbehagen. Zum Essen gibt es winzige Hähnchen. Es wird verkündet, dass Mary ein Baby zur Welt gebracht hat – ein prematures Baby.
Henry will seine Pflichten erfüllen und sich um das kleine Wesen kümmern. Doch die Mutter ist mit dem deformierten Baby überfordert und als das Baby auch noch krank wird verliert sich Henry in Fantasien. Unterhalb seines zugemauerten Fensters, zwischen den Rohren seiner Heizung, beobachtet er verzaubert den Auftritt einer Sängerin. Schließlich steht er selbst auf der Bühne und wird Teil einer psychotischen Aufführung, wo Realität und Träume zu einem einzigen surrealen Alptraum verschmelzen.

Zentrum Leben

Eine zentrale Rolle in “Eraserhead” spielt Henrys Leben. Sein Dasein wird von einem isolierten Mechaniker beobachtet und es scheint als stelle er die Hebel zum Leben seines Kindes. Nichts ist mehr natürlich, die Welt wirkt post-apokalyptisch. Vielleicht steht dies auch im Zusammenhang mit der Deformation des Babys und mit der frühen Geburt? In seiner Wohnung bewahrt sich Henry jedenfalls ein Stück von der Natur: auf dem Nachttisch steht ein Erdberg mit einer Pflanze, und einen Wurm bewahrt er sorgfältig in einem kleinen Schränkchen auf. Henry wirkt naiv, versucht ein akkurates Leben zu führen. Umso mehr bringt das unkontrollierbare Wesen, das ohne zwischenmenschliche Gefühle förmlich in eine emotionslose Welt geworfen wurde, sein geordnetes Leben aus dem Gleichgewicht.

Als dann das Baby nach einer gefühlten Ewigkeit des Schreiens auch noch plötzlich beginnt zu lachen – als lache es über Henry und die allgemeine Misere – sieht er als einzige Möglichkeit zur Flucht aus dem Wahnsinn zwischen Realität und Traum, vor Geschrei und zischendem Pfeifen, nur noch den Tod des Kindes. Er zerschneidet das Wesen das nun optisch dem Hähnchen vom Abendessen ähnelt. Enorme Energien werden freigesetzt, das Licht flackert und aus der Steckdose sprühen Funken. Das Leben ist beendet, das Wesen windet sich wurmartig aus den Körper. Doch ob diese Tat Henrys Leben wieder dauerhaft ausgleicht ist fraglich, denn verschmitzt scheint der Mechaniker schon an einem neuen Plan für ihn zu schmieden. Radierstaub wird aufgewirbelt und nach dem Tod oder gar der Erlösung seines eigenen Fleisch und Blut sieht man Henry bei der Sängerin …In heaven, everything is fine.

Der Beginn von Vielem

Fünf Jahre lang feilte David Lynch an “Eraserhead”, studierte nebenbei und kratzte das Budget von 20.000 Dollar zusammen. Harmonisch endet sein depressives Spielfilmdebüt und wird somit der Anfang seiner stürmischen Karriere als Regisseur und Filmemacher. Für Jack Nance war es ebenfalls sein Debüt in einer Hauptrolle, der schließlich in fast allen Lynch Filmen mitspielen sollte.

Interpretationsversuch fehlgeschlagen

Eine Interpretation von “Eraserhead” scheint unmöglich, die Möglichkeiten hingegen unendlich. Die minimalistische Darstellung ist ein Nährboden für unzählige Gedanken. Ist es ein Apell an die Jugend mit der Sexualität verantwortungsbewusster umzugehen? Kritisiert der Film Abtreibung oder befürwortet sie sogar? Ist es eine Hommage an das mechanisierte Leben, deren Erlösung nur im Himmel stattfindet? Fantasiert Henry schlicht über seine Ängste des Vater werdens oder gewährt uns der Filmemacher einfach nur einen Einblick in einen seiner Alpträume?

Fazit: Kein Fazit

Eine Stellungnahme von David Lynch über seine Aussage von “Eraserhead” wird uns vermutlich für immer verwehrt bleiben, vielleicht weil es auch gar keine geben soll. Und so bleibt der Zuschauer fragend über die wenigen Bilder und Geräusche zurück, die nun langfristig in die Erinnerungen eingedrungen sind. Aus den Köpfen werden diese so schnell nicht mehr ausradiert…


« »

2 Kommentare

Gebe einen Kommentar ab!

Angezeigt werden nur Name, Homepage und die Nachricht. Alle Felder außer Homepage sind Pflicht.

Followe Nachos and Wine auf Twitter Abonniere den News-Feed Poste auf FacebookPoste auf del.icio.usPoste auf stumbleuponPoste auf digg